Die Worttänzerin bloggt
Authentisch schreiben: Beispiel Glaabsbräu

Den heutigen Tag hatte ich mit Spannung erwartet. Seit Wochen schreibe ich allerlei Texte für meinen (Neu-)Kunden Glaabsbräu, seit über 270 Jahren Brauerei im Familienbesitz, mitten in der Altstadt Seligenstadts. Seit Ende Januar 2015 darf ich die PR und Pressearbeit für Glaabsbräu machen. Ich habe mich sehr gefreut, als Glaabsbräu mit dieser Anfrage auf mich zukam. Denn: 1. ist Glaabsbräu ein Familienunternehmen 2. mit der bisher längsten Tradition (all meiner Kunden), 3. regional durchaus prominent, 4. war Robert Glaab Leistungssportler in der Nationalmannschaft (und zählt damit auch zu meiner Zielgruppe (ehemalige) Sportlerpersönlichkeiten) und 5. das Unternehmen vor meiner Haustür (7km) ist. Weshalb ich häufiger und sehr gerne das Auto stehen lasse und z.B. Termine mit dem Gassifahren, also mit Fahrrad und Hund verbinde. Diese Regionalität mit kurzen Wegen ist eine weitere Gemeinsamkeit, die ich 6. an Glaabsbräu schätze, weil sie auch meiner Philosophie entspricht. Die Braugerste kommt auch aus der Region, ebenso wie Strom und Gas und viele andere Dienstleistungen. Deshalb ich. Unter anderem. Auch die meisten Handwerksbetriebe, die auf der aktuellen Baustelle arbeiten, sind aus Seligenstadt oder dem Umkreis. Baustelle?

BRauen und BAuen

Jepp, denn Glaabsbräu bRaut und bAut. Für über 3,2 Mio Euro netto entsteht gerade eine neue Brauerei. Auf dem Grundstück. Mitten in der Altstadt. In einer Lager- und Logistikhalle aus den 70er Jahren, die seit Februar nach brautechnischen Anforderungen umgebaut wird. Das ist eine Riesensumme für ein kleines Familienunternehmen mit 15 Mitarbeitern. (Dass kleine Brauereien es nicht so leicht haben, sich gegen die Riesen, wie Radeberger Gruppe, Bitburger, Oettinger, Krombacher, Paulaner, Warsteiner oder Veltins, durchzusetzen, brauche ich wohl nicht erwähnen.) Umso mutiger finde ich den Schritt der Familie Glaab, diese Investition zur Sicherung der Zukunft zu machen. Dafür hat tatsächlich neben Robert Glaab der ganze Familienrat zusammengesessen: die Eltern Richard und Gertrud Glaab, Ehefrau Emmanuelle und die beiden 10- und 12-jährigen Kinder Esther und Samuel, die das Unternehmen in der 10. Generation eines Tages fortführen dürfen.

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MKD_6861Grundsteinlegung zum Neubau

Ich fand die ganze Sache ziemlich bewegend, denn mit dieser Grundsteinlegung wird möglicherweise etwas geschaffen, worüber in 100 oder gar 200 Jahren noch gesprochen wird. Und ich war Teil davon – denn ich durfte das Schild betexten und beim Schildermacher holen. 🙂 Meine Urururenkel werden dann sagen: Dieses Schild hat meine Urururgroßmutter vor 100 Jahren getextet und in Händen gehalten. Vielleicht sind das sogar Nachfahren in X-ter Generation, die meine Text- und PR-Agentur in 120-jähriger Tradition oder so fortführen und immernoch für Glaabsbräu Werbung bzw. PR machen. Nette Vorstellung.

Die Sache mit dem Bier

Nun ist es so, dass ich eigentlich kein vollwertiger Biertrinker bin. Ein oder zwei Radler im Sommer ist super. Das schmeckt nicht so bitter, und ich bin nicht knülle. Denn ich vertrage Alkohol nur in Mengen, die selbst die kleinste Mikrobrauerei oder Winzerei in den Ruin treiben würden. Umso gespannter war ich auf das erste Craftbier, das die Glaabsbräu letztes Jahr auf den Markt gebracht und jetzt wieder eingebraut hat: die Hopfenlust. Craftbier – der neue Trend am Bierhimmel. Teilweise in alten Whiskey- oder Sherryfässern gelagert oder mit Schokoladen- oder Fruchtgeschmack. Alles handwerklich sauber gebraut und vor allem nach Reinheitsgebot. Da wird also nichts Süsses, Pappiges zugemischt, wie früher bei den Alkopops. Malz, Wasser und Hopfen ist drin. Mehr nicht. Letzterer macht den Geschmack aus in Verbindung mit der Herstellungsweise. Im Falle von Hopfenlust waren das drei verschiedene Hopfensorten, alle mit zitronigem, lemonartigem, tropisch-fruchtigem Aroma. Dafür hat der Braumeister Schütz ziemlich lange recherchiert und ausprobiert. Der Hopfen wird nicht – wie beim normalen Bier – dem Sud zugegeben und mitgekocht, sondern ganz zum Schluss vor der Lagerung im sogenannnten Hopfenstopfenverfahren (der Hopfen wird in einen Stoffbeutel gestopft) oder auch Kalthopfung genannt zum fertigen Bier in den Lagertank gelegt. Dort kann es dann seine Aromen und Öle während der mehrwöchigen Ruhephase schonend, aber voll entfalten.

Werbewirksames Texten versus persönlicher Geschmack

Bis das Bier vor kurzem aus seinem etwa vierwöchigen Schönschmeckschlaf erwacht ist, hatte ich bereits lange recheriert, Menschen befragt, gefacebooked und Pressemitteilungen über die Hopfenlust geschrieben. Ich hatte mir praktisch das Bier verbal schon etliche Stunden durch den Kopf gehen lassen. Und so langsam wurde ich neugierig. Denn etliche Glaabsbräu-Fans hatten sich (u.A. auf Facebook) als Hopfenlust-Fans geoutet und am Gewinnspiel teilgenommen, um einen Kasten zu ergattern. (Letztes Jahr war das Bier innerhalb von acht Wochen ausverkauft.) Zwischendurch habe ich gedacht: „Hm, du schreibst blumig-fruchtig über dieses Lust-auf-Frühling-machende-Bier, und auch der Name klingt vielversprechend. Was, wenn es dir gar nicht schmeckt?“ Nun, die meisten Texterkollegen werden mir bestätigen, dass man über Produkte wunderbar einladend und appetitanregend schreiben kann, ohne diese je probiert zu haben oder sie gar zu  mögen. Das ist ja die Kunst dieses Jobs. Aber noch mehr Spass macht das Schreiben, wenn man das Produkt tatsächlich auch persönlich mag.

Heute habe ich nun endlich meinen ersten Kasten Hopfenlust erworben.

Es war Mittagszeit. Ich hatte Durst. Ich bin mein eigener Chef. Ich kann (mittags) trinken, was ich mag. Und hab’s getan. Plopp. Das erste Mal, dass ich während der Arbeitszeit Bier trinke. Das erste Mal, dass ich an einem (Bier-)flaschenhals rieche – und verzückt bin. Das erste Mal, dass ich ein Bier zelebriere. Das erste Mal, dass mir ein Bier auf Anhieb supergut schmeckt. Das erste Mal, dass ich ein Bier (0,33l) schweren Herzens stehenlasse, weil ich sonst betrunken werde, obwohl es nur 4,3 % Alkohol hat. (Ich glaube, der English Conversation Stammtisch heute Abend wird lustig.)

Fazit

Der Name (eine Idee der Marketingleiterin Frau Wolff) ist Programm. Hopfenlust macht echt Lust auf Bier. Und ich schreibe das nicht, weil ich Werbung dafür machen will oder gar bezahlt werde. Das hat dieses Bier wirklich nicht nötig. Der einzige Verbesserungsvorschlag, den ich hätte: Hopfenlust ohne Alkohol. Dann wäre ich auch bereit, Bier als Grundnahrungsmittel anzuerkennen. Geht das, Herr Glaab? 🙂

Glaabsbraeu_Craftbier_Hopfenlust

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