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Brainstorming in der Gruppe – Hit und Flop?

Brainstorming in der Gruppe gilt als beliebtes Mittel zur Ideenfindung. Doch ist das Gruppen-Brainstorming wirklich so effektiv wie allgemein angenommen? Sozialpsychologen sind dieser Frage in zahlreichen Experimenten nachgegangen und haben festgestellt, dass diese Annahme ein Trugschluss ist. Im Gegenteil: Große Gruppen bringen nur ein Drittel der Ideen von Einzeldenkern hervor.

Trittbrettfahren
Das vermutete Trittbrettfahren trifft laut Tübinger Psychologie-Professor Michael Diehl nur in sehr geringem Maße zu. So konnte lediglich eine kleine Verbesserung der Leistungen festgestellt werden, obwohl er den Versuchsgruppen gedroht hatte, die einzelnen Beiträge individuell zu analysieren. An die Arbeitsqualität der Einzeldenker reichten aber auch diese Ergebnisse nicht heran.

Warten aufs freie Wort
Weitaus größeren Einfluss hat die Tatsache, dass sich Brainstormer gegenseitig in der Kreativität blockieren. Plötzlich auftretende Gedanken, die nicht sofort ausgesprochen werden können, verschwinden im Gehirn-Nirvana. Um kreativ zu sein, müssen nämlich Informationen aus dem Langzeitgedächtnis herangeholt und auf Abruf gestellt werden. Beide Prozesse leiden unter der Warterei beim Gruppen-Brainstorming. Zu dieser Erklärung kam der Psychologie Professor Wolfgang Stroebe von der Universität Utrecht.

Computer-Brainstorming soll nun die Kreativität am Laufen halten, indem die Denker jeden Geistesblitz sofort in die Tastatur eingeben. Aber stellt man sich so klassisches Brainstorming in der Gruppe vor: Alle starren auf den Bildschirm, um beim nächsten Impuls in die Tasten zu schlagen? Schließlich ist ein (Haupt-)argument für Brainstorming in der Gruppe neben der (angenommenen aber widerlegten höheren) Effektivität immer noch der Spaßfaktor.

Fazit: Die Effektivität ist beim Einzel-Brainstorming im stillen Kämmerlein immer noch höher, wenn auch etwas stiller.

Stress als Kreativitätspusher?
Definitiv nein. Zu diesem Ergebnis kam Sozialpsychologin Teresa Amabile von der renommierten Harward Business School. In einer Studie unter 177 Angestellten stellte sie fest, dass an Tagen mit der höchsten Stressstufe die Kreativität um 45 Prozent zurückging – übrigens entgegen der persönlichen Einschätzung der jeweiligen Mitarbeiter. Ständige Unterbrechungen, Besprechungen und Telefonate töten den Geistesfluss. Dennoch konnte in einigen Fällen trotz des Zeitdrucks Kreativität fließen. Dabei stellte sich heraus, dass der Mitarbeiter sich trotz Zeitdrucks ungestört ganz auf seine Aufgabe konzentrieren konnte.

Fazit: Kreativität braucht Zeit und funktioniert nur selten mit der Pistole auf der Brust.

Quelle: Bild der Wissenschaft 1/2005

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