Die Worttänzerin bloggt
Marketing-Club Frankfurt: Ein Abend mit Fußball-Legende Stepi – Dragoslav Stepanovic

Gut, dass ich auf meinen Mann gehört und diese vom Marketingclub Frankfurt organisierte Veranstaltung wahrgenommen habe. Denn eigentlich war ich fix und fertig und reif für die Couch. Mit den Worten: „Das ist ein spannender Mensch. Geh da mal hin.“ schickte er mich auf den Weg, und er sollte Recht behalten. Kurz vor der Abfahrt befragte ich Google und ließ den Blick flink über Stepis Vita streifen. Ah, ein Landsmann. Oh, Fußball. Jugoslawischer Nationalspieler. Bei der Eintracht Frankfurt. Hm, Mitte 60. Deshalb kannte ich ihn nicht. Mir waren zwar als ehemalige Handballerin und langjähriges Mitglied des Redaktionsteams beim Traditionsverein TV Grosswallstadt auch „Handballsenioren“ jenseits der 60 bekannt, aber für Fußball konnte ich mich noch nie richtig begeistern. Zu viele Leute laufen zu lange einem Ball hinterher mit oft mickriger Ausbeute: 0:0. Und das soll spannend sein? Hm.

Als ich schließlich Stepi beim Gastgeber, der Werbeagentur Saatchi & Saatchi in Frankfurt in persona sah, war die Neugier da. Dieses verschmitzte, offene, sympathische Grinsen, die nackenlangen grauen Haare, der braune Nadelstreifenanzug getragen mit einer typisch serbischen Körperhaltung und Ausstrahlung (die wahrscheinlich nur Landsleute erkennen). Und eine Coolness, ja teilweise positive Frechheit, die ich später in seinem Buch an zahlreichen Stellen wiederfinden werde… (Sogar den Schnauzbart konnte ich ertragen, was bei mir eigentlich gar nicht geht.)

Versprochen ist versprochen: Pele und die europäischen Brasilianer
Im Interview mit MC-Präsident Claudio Montanini erzählte Stepi aus seinem Leben, seiner Fußball-  und Trainerkarriere und seinem Buch. Die Anekdote von Pele – eine vo vielen schönen – beschreibt die Person Dragoslav Stepanovic in meinen Augen am besten. Kurzer Rückblick. Pele, dreifacher Weltmeister, mehr als 1.000 Tore, Weltfußballer des 20. Jahrhunderts, will bei seinem Abschiedspiel für die brasilianische Nationalmannschaft ausgerechnet gegen die jugoslawische Nationalmannschaft spielen! Die Jugos, fand er, seien die europäischen Brasilianer, also die besten Fußballer der Welt – nach den Brasilianern selbstverständlich. (Ich erinnere mich an meine Kindheit, als mein fußballbegeisterter Vater bei der EM oder WM haareraufend vor dem Fernseher saß und jaulte: „Wir Jugoslawen spielen wunderschönen Fußball. Nur Tore können wir keine schießen!!“) Das Spiel findet statt am 18. Juli 1971 im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro unter den Augen von 182.000 Zuschauern, darunter auch der Staatspräsident Brasiliens. In einer Angriffssituation spielt der Stürmer Rivelino den Verteider Stepi in allerfeinster Manier aus (Ball durch die Beine). Höchststrafe für den ehrgeizigen Serben! Fortan ist dieser hellwach und lässt sich kein zweites Mal lumpen. Er spielt das Spiel seines Lebens, die Weltpresse verfasst später Lobeshymnen auf den jungen Verteidiger. Nach der Halbzeit 1:1 verlässt Pele unter tosendem Beifall das Stadion. Das Spiel endet 2:2. (Ob mein Papa wohl dieses Spiel gesehen hat??) Nun kam es, dass mit Peles Abgang auch der Fernsehsender seine Aufmerksamkeit verlagerte – nämlich auf Pele außerhalb des Spielfeldes. So „endet“ Stepis Video, das er sich später zu Hause anschaut, in der 73. Minute. Quel maleur! Das konnte der Vollblutfußballer nicht auf sich sitzen lassen. Er spielt das Spiel seines Lebens, und es endet plötzlich in der 73. Minute?! Nein, das geht nun wirklich nicht. Pele hatte doch nach dem Spiel in Rio de Janeiro hoch und heilig versprochen, jedem Spieler ein Video vom Spiel zukommen zu lassen! Stepi vergisst nichts, nimmt sich vor, die Sache in die Hand zu nehmen.

Wir schreiben das Jahr 2005 – also 34 Jahre später! Pele kommt nach Deutschland im Rahmen des Confederations Cup. Am Vortag – so hat Stepi recherchiert – soll der Weltfußballer am Frankfurter Flughafen ankommen. Stepi hat einen Plan. Er will Pele zur Rede stellen und auf die versprochenen Videos festnageln! Als Trainer bei der Eintracht Frankfurt ist er bekannt wie ein bunter Hund (sein zweiter Spitzname), und so passiert er problemlos sämtliche Sicherheitsschleusen, vorbei an allen Beamten, die sich offenbar freuen, den prominenten Gast persönlich zu treffen. Als Pele die schwarze Limousine besteigt, in der bereits Franz Beckenbauer und Joseph Blatter sitzen, hechtet Stepi ans Fenster, um mit Pele zu sprechen. Franz Beckenbauer erhört seine Bitte und lädt ihn am selben Abend ins Frankfurter Hotel Hyatt ein. Der Schluss ist schnell erzählt: Pele ist sichtlich überrascht, verspricht aber prompte Lieferung – die bis heute nicht angekommen ist. Allerdings erfuhr ein anwesender HR3-Reporter von Stepis Anliegen und besorgt ihm die Aufzeichung aus den Archiven des SWR. Hartnäckigkeit lohnt sich. Diese Einstellung zieht sich durch Stepis ganzes Leben.

Authentischer geht nichtAB_Stepi_Stepanovic_Snezana_Galijas
Das Buch lebt von Stepis Anekdoten und lebhaften Erinnerungen. Den Autoren Peter C. Moschinski und Martin Thein ist es in enger Zusammenarbeit mit Stepi gut gelungen, dessen Leidenschaft und Charakter authentisch rüberzubringen. Und obwohl ich mich nie ernsthaft für Fußball interessiert habe, konnte ich nach der Lektüre des Buches die Begeisterung für diesen Sport verstehen. Stepi lässt uns teilhaben an seinen Gedanken und Emotionen, gibt Insider-Einblicke in das Denken von Spielern, Trainern und Funktionären und erzählt spannende Geschichten von vor und hinter den Kulissen. Mehrmals konnte ich an jenem Abend bei seinen Erzählungen kaum an mich halten vor Lachen. Mein Dauergrinsen war mir quasi ins Gesicht getackert,  sogar später noch als ichim Auto saß. Da sind zum einen die lebendig erzählten, lustigen Anekdoten auf der einen Seite. Auf der anderen Seite – und das hat mich wirklich fasziniert und amüsiert – plaudert da in jugohessisch der personifizierte Deutsch-Balkanese, der gegossene Deutschland-Jugo, der jedes Klischee bedient, der jede, aber auch wirklich jede Eigentümlichkeit verkörpert, die ich von einem typischen Jugoslawen in punkto Gestik, Mimik, Sprache, Aussprache und Intonation kenne. Was ein typischer Jugoslawe ist? Schauen Sie sich Stepi an.

„Lebbe geht weider“
Stepis Buch hat mir gut gefallen. Es ist flüssig und kurzweilig geschrieben, es hat mich inspiriert. Es ist ein Buch mit Tiefgang für Menschen, die in die Szene eintauchen und das Denken der Akteure in der Branche „Fußball“ verstehen wollen. Es geht dabei nicht um Gut oder Schlecht. Es geht nicht darum, ob Fußball das Nonplusultra aller Berufe ist. Es beschreibt das Leben eines Menschen, der einen großen Traum und Ziele hat, der sie verfolgt und behaarlich an der Erfüllung arbeitet. Es beschreibt auch die Liebe zu einem Menschen – seiner Frau Jelena – die ihm Halt und Kraft gibt und genauso Teil von ihm ist wie das runde Leder selbst. Möglich, dass mich Stepis Geschichte als Ex-Jugoslawin mehr berührt als andere. Möglich, dass alte Erinnerungen an was-auch-immer geweckt werden. Möglich, dass mich der Sport im Allgemeinen und Sportler im Speziellen interessieren. Möglich, dass mich dieser balkaneske Erzählstil zum Lachen bringt. Es ist, wie es ist. Und es is lesenswert.

Danke Stepi für diesen amüsanten Abend und die Einblicke in die Fußballwelt. Vielleicht schaffe ich es ja mal, ein Eintracht-Spiel in der Commerzbank-Arena zu verfolgen und die von dir beschriebene Leidenschaft zu spüren. Dann fallen mir bestimmt die vielen kleinen Geschichten ein, und ich werde wieder (dauer-)grinsen.

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