Die Worttänzerin bloggt
Wie von Geisterhand

(von Katja Tongucer, Moskau)

Ich bin ein Phantom. Ein Geist. Ich bin unsichtbar, aber unheimlich bin ich nicht. Ich bin Ghostwriterin. Ah ja, werden Sie jetzt denken, das sind diese dubiosen Leute, die für Geld den faulen Studenten die Abschlussarbeiten schreiben.

Nicht zuletzt seit der Diskussion um die Doktorarbeit des Herrn zu Guttenberg, werden Ghostwriter ja sehr misstrauisch beäugt, wobei ein guter Ghostwriter bestimmt sauberer gearbeitet hätte. Doch Vorsicht! Es gibt verschiedene Arten von Ghostwritern und nicht alle sind Quälgeister der Intelligentsia.

Da sind zunächst die akademischen Ghostwriter. Das sind die bösen Geister, die an den Universitäten ihr Unwesen treiben, zahlenden Studenten mit unlauteren Methoden den Abschluss retten und niemals öffentlich in Erscheinung treten. Diese Art des Ghostwritings kann und will auch ich nicht unterstützen. Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn Studenten oder Doktoranden sich Hilfe bei der Formulierung in Form eines Lektorats holen. Auch ein Korrektorat sei jedem angeraten, denn der Fehlerteufel schleicht sich auch bei sorgfältigster Arbeitsweise gerne ein. Der wissenschaftliche Inhalt der Arbeit muss aber ohne Zweifel von der Person stammen, die ihren Namen darunter setzt. Da sollten sich die Geister nicht scheiden.

Dann gibt es den Berufszweig der Redenschreiber. Das ist eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit und es bedarf großer Kunst, einem anderen Menschen die richtigen Worte in den Mund zu legen. Wir leben in einer Zeit, in der Schein mehr zählt als Sein. So kann uns ein guter Auftritt flugs in die Höhe katapultieren, während ein schlechter Vortrag beim Zuhörer höchstens ausgiebiges Gähnen hervorlockt. Ich möchte diese Art des Ghostwritings nicht als unmoralisch bewerten. Es erspart sicherlich vielen Menschen entweder eine Peinlichkeit oder eine qualvolle Zeit, je nachdem, auf welcher Seite des Rednerpultes man sich nun befindet. Ein Vortrag kann nun wirklich nicht geistreich genug sein.

Meine Tätigkeit ist das biographische Ghostwriting. Ich helfe Menschen, die etwas erzählen möchten, dazu aber nicht die Worte finden. Mit einem guten Ghostwriter gehören unbeschreibliche Erlebnisse der Vergangenheit an. Meiner Meinung nach hat jeder Mensch etwas erlebt, das sich aufzuschreiben lohnt. Und sei es nur für die eigenen Nachkommen. Kindheitsgeschichten, Reiseberichte, Familiengeheimnisse – ein Ghostwriter hört zu, ordnet, fasst zusammen und schreibt auf, wobei die Kunst darin besteht, den Ton des eigentlichen Erzählers zu treffen.

In den Buchläden gab es in den letzten Jahren geradezu einen Biographie-Boom. Viele Prominente können es nicht lassen, ihre Lebensgeschichte in gedruckter Form unter die Leute zu bringen. Dass hinter diesen Autobiographien oftmals ein Ghostwriter steckt, ist kein Geheimnis mehr – nicht erst seit Katja Kessler es mit Dieter Bohlen getan hat.

Hera Lind tut es neuerdings auch. Einige ihrer Bücher tragen den Zusatz „nach einer wahren Geschichte“ und sind im Grunde genommen genau das, was viele Ghostwriter im Auftrag ihrer Kunden anfertigen. Doch mit dem bekannten Autorennamen verkauft sich eine Lebensgeschichte ohne Zweifel viel besser. Und eine wahre Geschichte ist meist viel interessanter und spannender als ein weiterer lustiger Frauenroman. Hier profitieren beide Seiten. Ein neuer Trend?

Da folge ich dem Zeitgeist gerne, auch wenn ich dabei trotzdem lieber unsichtbar bleibe.

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